Bücher für den Sommer

Lange heiße Sommertage gehen bei mir immer Hand in Hand mit einer neu erwachten Leselust. Während ich in den Wintermonaten immer nur schwer der Verlockung von heißen Schaumbädern und gemütlichen Fernsehabenden auf der Couch widerstehen kann, wecken die Sonnenstrahlen nicht nur meine müden Glieder, sondern auch die Neugierde auf neue Geschichten. Ob am See, im Freibad, im Zuge eines Picknicks, auf dem Balkon oder im Urlaub – ein Buch ist gewiss immer zur Hand. (Und Leseempfehlungen übrigens herzlich willkommen!) Welche das sind und noch werden können, zeigt diese kleine Auswahl an Sommerliteratur:

Ein geschenkter Tag von Anna Gavalda
Anna Gavalda lesen ist für mich immer ein bisschen wie Die fabelhafte Welt der Amélie zu schauen:  Hier wie dort finden sich skurille, aber durch und durch liebenswerte Charakter, eine verspielte, schnörkelige Sprache, lebensechte Dialoge und kluge, poetische Beobachtungen der Menschen und des Lebens, wieder. Mehr französischer Esprit geht in meinen Augen nicht! Anna Gavaldas Lektüre Ein geschenkter Tag erzählt von einer spontanen Landpartie zu ihrem Bruder Vincent, zu der die Geschwister Simon, Garance und Lola eines Nachmittags aufbrechen, anstatt auf der Hochzeit einer entfernten Verwandten mühsame Konversation zu betreiben. Statt – wie so oft- den Konventionen des Alltags zu folgen, hören die Vier an diesem Sommertag nur auf ihr Herz und erleben das, was Anna Gavalda einen geschenkten Tag nennt. Noch einmal können die Geschwister einen Bilderbuchtag wie aus ihrer Kindheit erleben, hören alte Platten, erzählen sich alte und neue Geheimnisse und lassen die vielen Erinnerungen und Geschichten noch einmal aufleben.

Da gibt es Musik und Schriftsteller. Bände, Hände, Schlupfwinkel. Spuren von Sternschnuppen auf Kreditkartenbelegen, ausgerissene Seiten, glückliche Erinnerungen, schreckliche Erinnerungen. Lieder, Refrains auf der Zunge, gespeicherte SMS-Nachrichten, beeindruckende Bücher, kitschige Teddys und zerkratzte Platten. Unsere Kindheit, unsere Einsamkeit, unsere ersten Gefühlsregungen und unsere Zukunftspläne.

Da ich selber zwei Geschwister habe, muss ich bei der Lektüre unweigerlich auch immer an meine Schwester, meinen Bruder und unsere Kindheit denken und wie froh ich bin, dass auch wir hin und wieder solche geschenkten Tage gemeinsam erleben dürfen. Das Buch ist immer wieder eine gute Erinnerung, einfach mal aus dem Alltag zu entfliehen und sich selbst ein paar schöne Stunden zu schenken (ob nun mit diesem Buch, den Freunden oder den Geschwistern).

Chamade von Francoise Sagan
Für mich ist die Französin die mit Bonjour Tristesse ein Stück Weltliteratur geschrieben hat, die Sommerautorin per excellence: Ihre Romane fließen wie ein heißer Sommertag in der Provence vor sich hin, man folgt träge den Stimmungen der Hauptfiguren und bleibt dabei ein stiller Beobachter, der an einem eisgekühlten Cocktail nippt und genüsslich mit seinen Begleitern die High Society der Cote D’Azur auseinander nimmt. Die Geschichte der 30-jährigen Lucile dreht sich um die bekannte Frage: „Lieber im Taxi weinen als in der Straßenbahn?“.  So lebt sie gut und teuer mit dem 50-jährigen Charles zusammen, der sein Geld mit Immobilien verdient.

„Falls man“, wie Sagan schreibt „das Bewohnen des gleichen Appartements, den Umgang mit den gleichen Leuten und den Umstand, gelegentlich das gleiche Bett zu teilen, so nennen kann.“

Doch dann entflammt Luciles Herz an den mittelständigen Antoine, für den sie bereit ist, Geld und Wohlstand Hals über Kopf wegzuwerfen. Aber ob dieses Glück von Dauer ist?

Nichts als Gespenster von Judith Herrmann
Neben Ein geschenkter Tag gehört auch dieser Erzählband von Judith Herrmann zu meinen Sommer – Klassikern. Tatsächlich lese ich die Kurzgeschichten immer nur im Sommer, nie in einer anderen Jahreszeit. Dabei ist der Sommer im Gegensatz zu den anderen Werken in diesem Beitrag hier gar kein Hauptakteur, die einzelnen Erzählungen spielen in verschiedenen Jahreszeiten und Orten. Aber alle Personen in diesem Werk sind unterwegs: Nach Nevada, Prag, Karlsbad, Island und Norwegen. Da für mich persönlich Reisen und Unterwegssein unweigerlich mit den langen Sommertagen und gut geplanten Reisen einhergehen, gehört daher Nichts als Gespenster zu meinen Lieblings-Sommerbüchern. So eignen sich die Kurzgeschichten perfekt, um auf einer Zugfahrt oder im Flugzeug über die Gründe für’s wegfahren und wiederkommen nachzudenken:

 „Es ist nicht ungewöhnlich‘, sagte Ellen. ‚Viele Leute leben so. Sie reisen und sehen die Welt an, und dann kommen sie zurück und arbeiten, und wenn sie genug Geld verdient haben, fahren sie wieder los, woanders hin. Die meisten. Die meisten Leute leben so.'“

Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten von Kristina Pfister
Dieses Buch hat mir persönlich bewiesen, dass spontane Buch Einkäufe auch mal glücken können (Regelmäßig verzweifel ich nämlich angesichts der riesigen Auswahl von Büchern in Buchhandlungen und kaufe spontan entweder gar nichts oder das Falsche). Zudem ist es das Neuste meiner Auswahl, ich habe es selbst nämlich erst diesen Frühling gelesen. Besser gesagt: Verschlungen. Kristina Pfister erzählt in ihrem Werk von Annika, die sich von einem Praktikum zum nächsten hangelt und vollkommen desillusioniert und zurückgezogen in anonymen Wohnhauskomplexen lebt. Doch dann macht sie Bekanntschaft mit Marie-Louise, die alles verkörpert was Annika gerne wäre: Schön, verrückt und vor allem furchtlos! Nach dem ersten denkwürdigen Aufeinandertreffen, trennen sich zunächst jedoch wieder ihre Wege. Marie-Louise möchte nach London, Annika zieht zurück zu ihren Eltern um endlich herauszufinden, wer sie ist und was sie sein möchte. Doch König Zufall führt die beiden Mädchen schneller wieder zusammen als gedacht und es beginnt ein Sommer, der leuchtet, schmerzt und funkelt. Alles auf einmal. Der Roman hat bei mir zahlreiche wunderschöne Momente mit meiner besten Freundin wieder aufleben lassen und mich wachgerüttelt, auch in diesem Jahr wieder ganz viele Stunden zu Zweit am See, auf Hausdächern mit einem kalten Drink in der Hand, langen und intimen Gesprächen im Dunkeln und auf der Flucht vor langweiligen Leuten zu verbringen.

Dann das letzte: Marie-Louise und ich, mein Gesicht halbverdeckt von orange leuchtenden Haaren, sie mit hochgezogenen Brauen, die Kippe im Mundwinkel. Ich nahm das Foto und überlegte, einen Dinosaurier daraus zu basteln, aber nachdem ich es einmal in der Mitte gefaltet hatte, hörte ich auf. Der Knick verlief genau zwischen unseren Gesichtern hindurch. Wenn ich es umbog, wurde ihre Hälfte abgeschnitten, und man sah nur noch mich, mit dem lächerlichen orangeroten Vorhang vor den Augen und einem Stück Wange neben mir. Ich drehte es um und sah sie, ein drei viertel Gesicht mit einer Zigarette im Mundwinkel und fiesen, kleinen Augen. Ich klebte das Bild mit Tesafilm an die Wand, die anderen ließ ich auf dem Schreibtisch liegen.

Eine ganz andere Geschichte von Hakan Nesser
Da mindestens 3/5 Büchern, die ich in einem Sommerurlaub locker verschlinge, dem Krimi/Thriller Genre angehören, muss dieser schwedische Autor einfach in dieser Liste auftauchen: Hakan Nesser, einer meiner allerliebsten Schriftsteller überhaupt. Ich bin verliebt in seine klare, schnörkellose Sprache (die den totalen Gegensatz zu Anna Gavalda beispielsweise bildet), in die zahlreichen philosophischen Gedanken, die seine Sätze durchziehen und in die Beschreibungen seiner Charaktere. Ich habe wirklich alle seine Bücher gelesen und könnte wohl jedes an dieser Stelle aufführen. Für mich sind die Geschichten von Hakan Nesser bestens geeignet, um an einem verregneten Sommertag guten Gewissens im Bett zu bleiben und zu lesen und zu lesen und zu lesen…
Für Eine ganz andere Geschichte habe ich mich an dieser Stelle entschieden, weil sie den Leser in den Sommer in der Bretagne führt, wo sich in jenem Sommer zufällig zwei Paare und ein Einzelner aus Schweden begegnen. Jahre später wird einer nach dem anderen ermordet…Der Krimi springt dabei zwischen besagtem Sommer in Frankreich und den Ermittlungen in Schweden hin und her, wodurch sich die Spannung wie an einem besonders heißen Tag kurz vor dem Gewitter auflädt:

Picknickkörbe und Kühltaschen, Badekleidung, Weinflaschen; die Frauen waren am Samstag in Quimper gewesen und hatten für Proviant gesorgt. Baguettes ragen zwischen rotweißkarierten Handtüchern hervor, ein gestreifter Sonnenschirm, Strohhüte, als sollten wir ein Gemälde darstellen. Sie sind aufgekratzt, reden von Sonnenöl und unberührten Sandstränden; das Wetter ist hervorragend, ein wolkenfreier Himmel, die Temperatur bereits sicher über fünfundzwanzig Grad. Ja, das ist ein Gemälde, ein Skagengemälde in einem anderen Land und in einer anderen Zeit, aber mit dem gleichen Temperament. Und ich spüre außerdem – ebenso deutlich, als wenn ich vor genau so einem erstarrten idyllischen Ölbild stünde – dass das hier nur die Frage eines einzigen illusorischen Augenschlages ist, bevor die Szene verschwindet.

Neu im Buchsortiment für den Urlaub auf Amrum:
Bretonisches Gold von Jean-Luc Bannalec
Meine Sonne. Mein Mond. Meine Sterne von Alexa von Heyden
Wir waren keine Helden von Candy Bukowski

Advertisements

2 Kommentare

  1. Kati

    Jetzt möchte ich spontan Bücher kaufen gehen :)!

    Gefällt mir

    1. Ach schön 🙂 Hast du einen Buchtipp für mich parat? 🙂

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s