Über den Reiz von Geheimnissen

Mit Geheimnissen ist es bekanntlich ja so eine Sache: Jeder von uns besitzt welche. Manches behalten wir aus Scham, Selbstschutz, oder aus Loyalität zu jemand anderen für uns, in vielen von uns tobt die Neugier, Geheimnisse aufzudecken und den Menschen um einen herum Bekenntnisse zu entlocken und trotzdem plädieren wir alle für die Wahrheit, Offenheit und Transparenz in der Öffentlichkeit und im privaten Umfeld. Wie Freud und Leid begleiten uns Geheimnisse ein Leben lang, laut einer Studie beginnen bereits Kleinkinder von 2 Jahren Lügen zu erfinden und wer erinnert sich nicht an kunstvoll ausgeschmückte Geschichte vom Schulausflug oder kleine Streiche, die man mit den Kindergartenfreunden ausführte, Zuhause aber besser verschwieg? Ein wahres Hoch der Geheimniskrämerei erlebt man dann wohl in den Teenagerjahren, wir suchen mit Bedacht die Freunde aus, mit denen wir unsere Gedanken und Träume teilen können, man schreibt sich kleine Zettel während der Schulstunde, flüstert sich in der Pause die Geheimnisse ins Ohr und Zuhause schließt man vor dem Telefonieren die Tür. Nicht selten dreht es sich dabei um die Liebe, wer liebt wen und wer liebt sich nicht mehr, man überlegt gemeinsam, wie man XY entweder endlich kennenlernt oder wieder loswerden kann. All das dient nicht nur dazu, über Gott und die Welt zu tratschen, sondern auch um sein Herz zu erleichtern, eine Verbundenheit in Abgrenzung zu anderen mit dem/der Freund/in zu schaffen und ein wenig seinen Platz zu finden. Bei aller Wertschätzung für die Freundschaft gibt es bei fast allen aber nach wie vor noch Dinge, von denen wir uns nicht trauen, zu sprechen, die wir lieber in Form von Tagebüchern festhalten. Dies ist keineswegs ein neues Prinzip. Seit der Renaissance vertrauen sich Menschen dem Tagebuch (nach unserem heutigen Verständnis von dieser Form) an, um Sorgen, Leid, Alltag festzuhalten und der „Linie des eigenen Lebens“ (Max Dessoir) zu folgen. Interessant ist, dass das klassische Tagebuch im schönen 21. Jahrhundert mittlerweile durch einen öffentlich geführten Weblog mehr und mehr ersetzt wird (zu der Thematik des Tagebuchs ein anderes Mal mehr).

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Während wir in diesen Jahren der Selbstsuche bewusst Geheimnisse schaffen und für uns bewahren, versuchen wir in dem Erwachsenenjahren wieder verstärkt, Geheimnisse aufzudecken (obgleich eine absolute Wahrheit im Leben wohl mehr als utopisch ist!). Wir erwarten  eine unbedingte Ehrlichkeit von unserem Partner, manch einer setzt sich verstärkt mit sich selbst oder seiner Familiengeschichte auseinander, wir lernen mehr und mehr für uns selbst einzustehen, bekennen uns vielleicht auch zu vermeintlich peinlichen Leidenschaft wie Junk Food oder Trash TV und befriedigen unsere Lust am Geheimnisvollen durch Fernsehserien wie Sherlock Holmes, Gossip Girl, Pretty little Liars oder True Detective. Nach wie vor wird zudem gerne zu Zeitschriften und  Onlinemagazinen gegriffen / geklickt, die wir öffentlich abschätzig als „Klatschzeitungen“ bezeichnen, deren Inhalt uns aber nicht selten als lockerer Einstieg in Smalltalk Gespräche dient – denn über Leute zu reden, von denen alle wissen, die aber niemand persönlich kennt, tut schließlich niemanden weh, nicht wahr? Erstaunlicherweise können Geheimnisse also nicht nur Spannung erzeugen, sondern im Gegenteil, für uns selbst auch Entspannung bedeuten (nämlich immer dann, wenn es nicht unsere eigenen sind). Allerdings gibt es auch die Art von Geheimnis, die uns vielmehr quält denn unterhält, es sind dunkle, vielschichtige Geschichten, die wir mit uns herumtragen, die uns manchmal gefühlt zu Boden drücken und vom Rest der Welt entfernen und für die wir selbst keine Lösung finden. In diesen Fällen vertrauen sich viele mehr Menschen lieber jemanden an, zu dem sie keinen persönlichen Bezug haben als dem emotional vertrauen Umfeld. Das können Therapeuten sein, anonymen Sorgentelefonen, Ratgeber in Magazinen oder auch öffentliche Formate wie die TV – und Radioshow Domian, in der Menschen anrufen, um von ihrem Leben, Leiden oder auch von glücklichen und skurrilen Momenten zu erzählen.

Ganz selten bleibt ein Geheimnis also wirklich ein Geheimnis, fast immer erscheint der Drang irgendwann zu stark, sich jemanden mitzuteilen und in den Kreis der Verbündeten aufzunehmen. Manchmal geschieht die Aufdeckung eines Geheimnisses aber nicht freiwillig, vielleicht wurde die falsche Person ins Vertrauen gezogen oder das Geheimnis erscheint als zu stark, zu dunkel, um es für sich zu behalten. Wo ein Geheimnis steckt, ist der Verrat meistens nicht weit, man rufe sich nur die aktuelle Debatte über die Rechte von Whistleblowern wie Edward Snowden oder Julian Assange ins Gedächtnis, wie auch die immer wieder aufkommenden Diskussionen rundum die Transparenz von Politik und Datenschutz.

Why when do our darkest deeds do we tell?

They burn in our brains, become a living hell
Because everybody tells
Everybody tells

Aus Secret von The Pierce

Man merkt, Geheimnisse folgen uns nicht nur ein Leben lang, sondern sie begegnen uns auch fast überall. Ob Amtsgeheimnis, Briefgeheimnis, Beichtgeheimnis, Redaktionsgeheimnis, Staatsgeheimnis oder Steuergeheimnis – wer die Augen öffnet, kann praktisch überall große und kleine Geheimnisse entdecken. Das Spannendste von allen? Diese Frage mag sich mit diesem Sprichwort beantworten lassen: Vergangenheit ist Geschichte. Zukunft ist Geheimnis.

 

 

 

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